«Ich kann mehr tun, als nur meine eigenen Gewohnheiten zu ändern»

Die Gründerin des Secondhand-Schuhladens AtelierFH engagiert sich für Slow Fashion und Nachhaltigkeit

Shera Lesueur, zweifache Mutter, hatte eine erfolgreiche Karriere im Human Resources Bereich. Über 16 Jahre lang arbeitete sie für Großunternehmen in Paris, Dubai und Zürich. Doch vor etwa zwei Jahren verspürte sie den Drang nach einer Veränderung, und so machte sie sich auf die Suche nach ihrer neuen Lebensbestimmung.

Heute entwickelt sie eine Online-Plattform, die gebrauchte Schuhe kauft und verkauft, außerdem setzt sie sich für Nachhaltigkeit und Slow Fashion ein und inspiriert andere im Sinne von achtsamem Konsum. Im Interview erzählt Shera, wie sie durch die Mitgründung einer Non-Profit Organisation in Ruanda den Mut bekam, ihr eigenes Unternehmen zu gründen; was ihr hilft, ihre Schwächen zu überwinden und wie man auch in Zeiten der Pandemie aktiv netzwerken kann.

Shera, was war der Wendepunkt deiner Karriere, der dich dazu gedrängt hat, einen professionellen Wechsel vorzunehmen?

Ich konnte mich über meinen Karriereweg nicht beklagen. Ich habe international gearbeitet und hatte gute Positionen im Personalwesen inne. Außerdem setze ich mich leidenschaftlich für Vielfalt, Inklusion und Gleichberechtigung ein, und mein Job ermöglichte es mir, in diesen Bereichen etwas zu bewirken.

Aber dann kam es dazu, dass ich mich nicht mehr ausgeglichen fühlte. Ich liebte meine Rolle und das Team, aber ich hatte einfach das Gefühl, dass mich das Ganze nicht mehr erfüllte. Dennoch hatte ich nicht die geringste Ahnung, was ich beruflich noch machen könnte.

Was hat dir geholfen, den nächsten Schritt zu definieren und ein neues, erfüllendes Berufsfeld zu finden?

Als erstes habe ich mir die Unterstützung eines Coaches geholt, der mir geholfen hat, zu verstehen, warum ich bei der Arbeit nicht glücklich war und meinen Sinn und meine Aufgabe zu finden. Diese Klarheit zu erlangen, ermöglichte es mir, selbstbewusster die nächsten Schritte zu ergreifen.

Als Teil meiner Suche nach mir selbst reiste ich mit ein paar Kollegen nach Ruanda. Als wir das Leben dort kennenlernten, beschlossen wir ganz spontan, eine Nonprofit-Organisation – Momentum – zu gründen, um junge Frauen in Ruanda zu unterstützen und Bildung zu fördern. Das wurde zum Grundstein für meinen neuen Karriereweg.

Wie hat sich die Entwicklung dieser Non-Profit-Organisation auf deinen beruflichen Werdegang ausgewirkt?

Da der Non-Profit-Sektor für mich neu war, habe ich angefangen, mich an verschiedenste Menschen zu wenden, die Erfahrung damit hatten und mir Ratschläge geben konnten. Außerdem besuchte ich einschlägige Konferenzen, las viel, schaute Dokumentarfilme und vertiefte mich voll in das Thema Nachhaltigkeit. Das half mir zu verstehen, dass Vielfalt, Inklusion, Wohlstand und unser Planet, dass all das miteinander verbunden ist.

Dieser Übergang in ein neues Feld verlief schrittweise. All das neue Wissen und die Erfahrungen, die ich gesammelt habe, haben mich erkennen lassen, dass mein nächstes Projekt einen echten Zweck haben sollte, mit dem ich mich identifizieren kann. Gleichzeitig wurde mir durch die Mitbegründung von Momentum klar, dass ich auch in der Lage bin, mein eigenes Unternehmen zu gründen.

Ich habe Mode schon immer geliebt, aber vor ein paar Jahren begann ich, mich vor der Branche zu ekeln.

Warum hast du gerade die Modebranche ausgewählt, um ein Unternehmen mit Fokus auf Nachhaltigkeit zu gründen?

Ich habe Mode schon immer geliebt, aber vor ein paar Jahren begann ich, mich vor der Branche zu ekeln. Einer der Wendepunkte war der Film ‚The True Cost‘, der mich dazu brachte, meine Ansichten zu ändern. Damals begann ich, auf meine Konsumgewohnheiten zu achten und zu versuchen, bewusstere Kaufentscheidungen zu treffen.

In meinem Bestreben, nachhaltigere Mode zu kaufen, entdeckte ich einige tolle Second-Hand-Läden in Zürich. Das war keine neue Erfahrung für mich – ich hatte es schon immer geliebt, in solche Secondhand-Läden zu gehen, auch damals in Paris. Damals ging es mir aber mehr darum, ein paar einzigartige Stücke zu finden als um Nachhaltigkeit.

Jetzt, nachdem ich all dieses Wissen darüber gewonnen hatte, wie unser Verhalten die Welt positiv beeinflussen kann, wollte ich es mit anderen teilen. Mir wurde klar, dass ich viel mehr tun kann, als nur meine eigenen Gewohnheiten zu ändern, also begann ich an Ideen für mein Projekt zu arbeiten.

Was hat dich motiviert, ausgerechnet einen Second-Hand-Schuhladen zu gründen?

Als ich wieder anfing, in Second-Hand-Läden einzukaufen, fiel mir auf, dass sich Schuhe nicht gut verkaufen. In meinem Gespräch mit einem solchen Ladenbesitzer in Zürich bestätigte er mir, dass die Kunden nur selten Schuhe kauften, außer sie waren ungetragen.

Ich nutzte die Zeit im Lockdown, um eine Umfrage durchzuführen und das Verhalten der Menschen in Bezug auf Mode, Secondhand und Schuhkonsum zu verstehen. Ich befragte auch Fachleute aus der Leder- und Schuhindustrie, Schuhmacher und Schuster.

Ich fand heraus, dass die Leute eher bereit wären, gebrauchte Schuhe zu kaufen, wenn man diese aufgearbeiten und desinfizieren würde, so dass sie so gut wie neu wären. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass wir, indem wir Schuster und Schuhmacher ins Rampenlicht stellen, die Handwerkskunst unterstützen und einen Trend zum Reparieren statt Wegwerfen setzen können.

Wie genau geht ihr bei AtelierFH diese Ziele an?

Wir bieten gebrauchte Schuhe an, die ausgewählt und aufgearbeitet (repariert und desinfiziert) sind. Wir wählen Schuhe nach ihrer Qualität und ihrem Stil aus; im Einklang mit dem Konzept des nachhaltigen Konsums bieten wir zeitlose Trends.

Auf unserer Online-Plattform findet man Schuhe in verschiedenen Größen, alle so gut wie neu. Gerne können Sie auch Ihre Schuhe bei uns einreichen; wir kaufen diese direkt und ohne Provision an.

Die Mission von Atelier FH ist es, durch Upcycling von Schuhen zur Abfallvermeidung beizutragen, die Produktion von neuen Schuhen zu reduzieren, indem wir mehr Menschen dazu inspirieren, Second Hand zu kaufen, und den Fokus auf langsamen Konsum zu lenken.

Ich wollte auch, dass dieses Geschäft einen sozialen Einfluss hat. Deshalb spenden wir einen Teil unseres Gewinns an Organisationen, die mit den Werten von AtelierFH übereinstimmen, wie Bildung und Gleichberechtigung.

Was war für dich die größte Herausforderung bei der Gründung dieses Unternehmens? Was/wer hat dir bei diesem Prozess am meisten geholfen?

Ich denke, das Schwierigste für mich ist der Umgang mit den Aufgaben, die ich nicht wirklich mag. Als Unternehmerin muss ich alles machen: von Sourcing und Aufbau der Kollektion bis hin zu digitalem Marketing, Finanzen, Bestellvorbereitung usw. Ich weiß, dass ich dazu neige, diejenigen Dinge schleifen zu lassen, die ich am wenigsten tun möchte. Drei wichtige Ansätze helfen mir dabei, dieses Problem zu überwinden.

Erstens, einen Plan zu haben. Wenn ich meine Ziele für die nächsten Monate kenne, kann ich das größere Bild sehen und mich Schritt für Schritt auf mein Ziel zubewegen. Außerdem hilft es mir, mich daran zu erinnern, warum ich das tue, was ich tue, um konzentriert zu bleiben.

Der zweite Punkt ist, die Denkweise zu ändern. Ich weiß, dass es Dinge gibt, in denen ich nicht wirklich gut bin, aber sie erlauben mir, mich weiterzuentwickeln. Ich lerne bei jedem Schritt, deshalb bestrafe ich mich nicht selbst, wenn ich etwas versäume. Stattdessen versuche ich herauszufinden, was ich falsch gemacht habe. Auf diese Weise weiß ich, dass ich es beim nächsten Mal nur besser machen kann.

Drittens: Unterstützung von anderen holen. Ich glaube fest daran, dass es sehr wichtig ist, von Gleichgesinnten umgeben zu sein. Da ich keinen Mitgründer habe, mit dem ich Ideen und Zweifel teilen kann, habe ich mir einen Mentor gesucht, der mir wirklich sehr geholfen hat. Außerdem baue ich meine Kontakte aktiv aus. Regelmäßige Gespräche mit anderen Unternehmern ermöglichen es mir, andere Perspektiven zu sehen. Außerdem bin ich Mitglied eines Schweizer Frauennetzwerks ‚Women Lift Up‘, das absolut wunderbar ist: Wir unterstützen uns gegenseitig, teilen unsere Kompetenzen, hinterfragen und diskutieren Ideen. Das haben wir auch während des Lockdowns mithilfe von Online-Tools fortgesetzt. Nicht zuletzt habe ich das große Glück, dass mein Mann an mich und mein Projekt glaubt und mich immer unterstützt. Das ist wirklich wichtig für mich.

Welchen Rat kannst du anderen aufstrebenden Unternehmern geben oder denen, die überlegen, ihr Unternehmen zu gründen?

Hören Sie auf Ihre Intuition, haben Sie keine Angst, um Rat zu fragen, setzen Sie sich Ziele und gehen Sie direkt zur Tat über. Beginnen Sie mit Ihrem persönlichem Warum und Ihrem Zweck. Sobald Sie verstehen, was Sie antreibt, wird alles stimmig werden.

Wenn Sie eine Idee haben, sprechen Sie mit so vielen Menschen wie möglich, erstellen Sie eine Umfrage, führen Sie Interviews. Die Erkenntnisse, die Sie gewinnen, könnten sich als sehr wertvoll erweisen, nicht nur während des Markteintritts, sondern auch für die weitere Geschäftsentwicklung.

Vielen Dank für dieses inspirierende Gespräch und die wertvollen Tipps. Wir wünschen dir viel Erfolg bei deinem Projekt!

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