DIE KUNST EINEN EIGENEN WEG ZU VERFOLGEN

Barbara Brandimarte

Über Papierschmuck, Inspiration aus der Natur und Unterschiede in den Mentalitäten

Wie kann man seinen Beruf radikal wechseln? Warum ist Freiheit wertvoller als Stabilität? Was inspiriert Künstler und wie gehen sie mit kreativen Krisen um?

Barbara Brandimarte ist die Schöpferin der Papierschmuckmarke Colla Carta Creo. Sie studierte etwas ganz anderes, doch nach dem Masterabschluss und der Arbeit in mehreren Unternehmen entschied sie sich dafür, dass Bürojobs nicht zu ihr passen. Ihre eigene Hochzeit inspirierte sie zu einem kreativen Projekt und seitdem verwandelt sie gewöhnliches Papier zu Kunstwerken. Barbara erzählt uns in diesem Interview, wie bei ihr aus einem Chaos Ideen entstehen, wie Perfektionismus sie daran hinderte das Projekt einzuführen, wie sie ihr Unternehmen von Italien in die Schweiz verlegte und warum die Exzentrik eines Künstlers mit Beharrlichkeit kombiniert werden muss.

Barbara, wie hast du eine Karriere als Schmuckdesignerin begonnen? Wo hast du das gelernt?

Design habe ich mir selbst beigebracht. Und beruflich bin ich Architektin, aber ich entschied mich ziemlich schnell, dass ich nicht in diesem Bereich arbeiten wollte. Denn in Italien ist der Karriereweg eines Architekten lang und mühsam. Nach dem Studium muss man mehrere Jahre als Praktikant in einem Unternehmen arbeiten, oft ohne Vertrag oder Gehalt. Und selbst danach ist es sehr schwierig, einen guten Job zu bekommen, ganz zu schweigen von der Eröffnung einer eigenen Firma. Du musst die ganze Zeit Kompromisse eingehen, dich darauf einigen Tätigkeiten abzuwickeln, die du selbst nicht magst. Dadurch werden Motivation und Begeisterung stark reduziert. Irgendwann wurde mir klar, dass ich unter solchen Bedingungen keine Architektin sein möchte.

Hast du schon immer davon geträumt, ein eigenes Projekt zu schaffen, oder wurdest du durch irgendwelche Lebensereignisse dazu gedrängt?

Ich denke es kam mit der Zeit und der Erfahrung. Als ich in einem Büro arbeitete, wurde mir klar, dass es sehr schwierig für mich war, jeden Tag im selben Raum eingesperrt zu sein und ich nur das tun darf, was mir gesagt wird. Natürlich kann ich so arbeiten, aber das macht mich nicht glücklich. Jetzt schätze ich die Freiheit sehr. Ja, eine unabhängige Künstlerin zu sein ist nicht einfach. Besonders schwierig ist es deine eigene Marke aufzubauen und zu entwickeln, sie attraktiv, hochwertig und einprägsam zu machen sowie deine kreativen Krisen zu überwinden. Aber für mich ist es viel angenehmer, als Mitarbeiterin eines Unternehmens zu sein und den Anweisungen anderer zu folgen.

Viele Menschen denken, dass Papier zu schwach und in gewisser Weise wegwerfbar ist. Aber in Wirklichkeit kann man so viele Dinge daraus kreieren.

Wie hast du die neue Berufung gefunden?

Es begann alles mit der Vorbereitung meiner Hochzeit. Ich beschloss, die Einladungen und Bonboniere für die Gäste selbst zu machen und es war sehr spannend. Ich liebte diesen kreativen Prozess so sehr, dass ich dachte, warum denn nicht diese Kreativität in einen Beruf verwandeln? Ich erhielt meine ersten Aufträge für die Kreation von Einladungen und Dekorationen für Hochzeiten und andere Veranstaltungen. Dann fing ich an, Postkarten und Notizbücher zu gestalten. Im Laufe meiner Arbeit begann ich neue Ideen zu entwickeln. Ich dachte darüber nach, was ich sonst noch mit Papier machen könnte und kam auf die Idee Schmuck herzustellen.

Papierschmuck ist eine sehr ungewöhnliche Lösung. Warum hast du dich für diese spezielle Richtung entschieden?

Ich mag Papier als Material – damit zu arbeiten und etwas völlig Neues zu schaffen. Viele Menschen denken, dass Papier zu schwach und in gewisser Weise wegwerfbar ist. Aber in Wirklichkeit kann man so viele Dinge daraus kreieren. Ich wollte zeigen, dass Papier ganz anders sein kann – langlebig, stabil. Es kann ein dekoratives Element oder ein schönes Accessoire sein.

War es deine eigene Idee oder hast du so etwas Ähnliches irgendwo gesehen?

Nein, die Idee ist nicht meine. Die Technik der Herstellung von Papierschmuck gibt es schon seit langem, ich habe irgendwann Beispiele für solche Arbeiten gesehen und begann mich immer mehr dafür zu interessieren. Dann fand ich in Piacenza eine Lehrerin für Quilling (die Designerin Angela Simone) und sie bildete mich dann aus. Quilling erschien an der europäischen Mittelmeerküste im XIV. Jahrhundert. Es handelt sich um eine Verdrehung zahlreicher Papierstreifen und deren anschliessende Verbindung zu komplexen Kompositionen – Gemälde, Dekorationen, Schmuck. Dieser Prozess erfordert nicht nur Kreativität, sondern auch Ausdauer und wirklich präzise Arbeit.

Ist das die Art und Weise, wie du deinen Schmuck herstellst?

Ja, einiges davon, zum Beispiel Halsketten. Ich nehme Papier in verschiedenen Farben und Breiten, wickele viele Streifen und verbinde sie miteinander zu Kompositionen. Die Ohrringe werden mit einer anderen Technik hergestellt: Ich schneide und klebe Dutzende von Schichten, presse sie zusammen, poliere sie und trage mein Muster schliesslich auf die Oberfläche auf. Darüber hinaus verarbeite ich den gesamten Schmuck mit einem Spezialmittel, das es vor Verformungen durch Nässe schützt.

Bedeutet dies, dass Papierschmuck sehr langlebig sein kann?

Ja, bei mittlerer Luftfeuchtigkeit behaltet es die Form und das Aussehen perfekt, so dass man sich keine Sorgen machen muss. Aber natürlich sind sie immer noch ein dekoratives Accessoire. Dennoch solltest du in diesem Schmuck nicht duschen oder im strömenden Regen laufen.

Du sagtest, du zeichnest deine eigenen Muster auf den Schmuck. Bedeutet das, dass jedes Stück letztendlich einmalig ist?

Der grösste Teil meines Schmucks ist einzigartig, ja. Farben und Muster können in Kollektionen wiederholt werden, aber sie werden nicht genau gleich sein, weil ich von Hand zeichne. In wenigen Ausnahmen erstelle ich Designs in einem grafischen Editor und drucke es aus, dann kann das Bild wiederholt werden. Aber in solchen Fällen versuche ich verschiedene Formen und Grössen herzustellen, so dass jedes Schmuckstück einmalig wird.

Handarbeit, mehrere Schichten, Handzeichnungen – das klingt nach viel Arbeit. Wie viel Zeit brauchst du, um ein Schmuckstück herzustellen?

Im Durchschnitt ein bis zwei Tage. Es geht nicht nur um die Komplexität der Produktion, sondern auch um die Besonderheiten der Technologie. Nachdem alle Elemente vorbereitet und verklebt sind, dauert es einige Stunden bis es vollständig getrocknet ist. Die wasserdichte Beschichtung benötigt auch Zeit für die Fixierung. Aber ich kann an einem Tag mehrere Schmuckstücke parallel herstellen.

Meine Kollektionen hängen von der Stimmung und Inspiration ab.

Wie kommst du auf Ideen und Designs für neuen Schmuck?

Meine Kollektionen hängen von der Stimmung und Inspiration ab. Ich kann bei dem Gedanken aufwachen, dass ich heute eine Kombination aus Gelb und Blau ausprobieren möchte – und ich beginne damit die Optionen auszuarbeiten. Später mag ich vielleicht das Ornament, aber ich möchte es gerne in anderen Farben ausprobieren. Also experimentiere, versuche und suche ich jeden Tag nach Inspiration.

Wo bekommst du Inspiration für deine Arbeiten?

Die wichtigste Inspirationsquelle für mich ist die Natur. Am Wochenende wandere ich gerne in den Bergen oder spaziere herum. Ich achte auf Farben, Muster und Formen. Ich kann die blühende Blume oder die Spiegelung von Wolken im See für eine lange Zeit beobachten. Ich liebe es auch Fotos zu machen – es ist meine Leidenschaft. Meine Spiegelreflexkamera ist immer bei mir und ich kann 2 Stunden lang an einer Aufnahme arbeiten, da für mich Perfektion absolut wichtig ist. Ich weiss, dass es danach meine Inspirationsquelle sein wird, weshalb ich so hart daran arbeite.

Gehen wir zurück zum Anfang. Wann genau hast du dieses Projekt gestartet und wann hast du deine ersten Kunden gewonnen?

Ich mache Papierschmuck seit 2014, aber ich habe nicht sofort angefangen es zu verkaufen. Es dauerte etwa 6 Monate, bis ich ein Ergebnis erhielt, mit dem ich zufrieden war. Die ersten paar Kollektionen habe ich gleich nach der Entstehung weggeworfen. Ich wollte, dass alles makellos ist: Form, Design, Farben. Ich konnte dies bis 2015 erreichen und dann habe ich meine erste Kollektion zum Verkauf angeboten. Im Laufe der Zeit entwickelten sich dann die Ideen und Inspirationen, wodurch neue Kollektionen entstanden.

Bist du heute mit der Qualität deines Schmuckes zufrieden?

Ich vermarkte nur die Stücke die mir gefallen. Aber es gibt immer noch viele Muster und Ideen, die ich teste und dann wegwerfe. Dies geschieht sowohl bei Zeichnungen als auch bei Designs. Ausserdem kann es manchmal vorkommen, dass ich bei der Betrachtung meiner Arbeit nach einer Weile enttäuscht werde.

Seriöse Unterstützung ist für mich das Kundenfeedback.

Wie kommst du mit solchen Enttäuschungen zurecht?

Seriöse Unterstützung ist für mich das Kundenfeedback. Viele Leute senden Kommentare oder persönliche Nachrichten, die sagen, dass ihnen meine Arbeit gefällt. Das ist sehr wertvoll. Ausserdem ist mein Mann sehr hilfreich, er glaubt an mich und unterstützt mich in allem. Wenn ich zum Beispiel an Verkaufsmärkten teilnehme arbeitet er mit mir am Stand und hilft mir in jeder Hinsicht.

Apropos Verkaufsmärkte, dies ist eines deiner wichtigsten Werbeformate, nicht wahr?

Ja, ich habe bereits in Italien mit der Teilnahme an Messen begonnen; ich reiste regelmässig nach Rom, Mailand und in andere Städte, wo Kunsthandwerksmärkte stattfanden. Ich denke, es ist wichtig, dass die Menschen meinen Schmuck sehen, berühren und fühlen können. In der Schweiz habe ich bereits im Frau Gerolds Garten, in der Markthalle und auf mehreren Weihnachtsmärkten ausgestellt.

Und wie findest du diese Messen, wie wählst du aus, an welchen Märkten du teilnehmen möchtest?

Auf Social Media folge ich anderen Künstlern und schaue welche Events sie besuchen. So finde ich heraus, welche Veranstaltungen beliebt sind. Und wenn ich über die Teilnahme nachdenke, achte ich auf die Kosten der Miete und des Besucherstroms. Es ist mir wichtig, zumindest die Teilnahmekosten zu decken, also berechne ich das ungefähre Ergebnis. Es entspricht nicht immer den Erwartungen. Aber im Allgemeinen verstehe ich, dass man, um Geld zu verdienen, zuerst investieren muss. Man muss ein gewisses Risiko eingehen, ohne das eine Entwicklung nicht möglich ist.

In welche anderen Werbekanäle investierst du und wie erfolgreich sind sie für dich?

Natürlich promote ich das Projekt auch über Online-Kanäle. Zuerst einmal betreibe ich Seiten in sozialen Netzwerken – Facebook, Instagram, Pinterest. Um dir die Wahrheit zu sagen, es ist nicht immer einfach für mich, denn man muss die Methoden der Werbung auf jeder dieser Plattformen verstehen. Da ich alles selbst mache, brauche ich viel Zeit und Mühe, um es zu tun, also möchte ich auf lange Sicht jemanden finden, der mir bei diesen Aufgaben hilft. Eine weitere wichtige Online-Plattform ist für mich Etsy, wo mein Online-Shop und alle aktuellen Kollektionen präsentiert werden.

Der dritte wichtige Vertriebskanal für mich sind die Einzelhandelsgeschäfte. Jetzt ist mein Schmuck in einem Geschäft in St. Gallen erhältlich. Ich bin auch in Verhandlungen mit den Shops in Zürich und Basel. Natürlich berechnen Geschäfte einen bestimmten Prozentanteil des Umsatzes, aber das Produkt wird damit für Kunden sichtbar und mehr Menschen können davon erfahren.

In Italien wurde mir oft gesagt: „Oh, es ist aus Papier, dann muss es billig sein, also gib mir einen Rabatt.“

Du hast das Projekt in Italien gestartet, und jetzt betreibst du es seit über einem Jahr in der Schweiz. Siehst du den Unterschied zwischen diesen Märkten?

Ja, der Unterschied ist riesig. Erstens, in der Mentalität und ihren Erscheinungsformen beim Kauf. In der Schweiz zum Beispiel verstehen die Menschen den Wert von handgefertigten Waren und wenn sie Schmuck mögen, kaufen sie ihn ohne Verhandlungen. In Italien wurde mir oft gesagt: „Oh, es ist aus Papier, dann muss es billig sein, also gib mir einen Rabatt.“ In solchen Fällen erkläre ich immer, dass es nicht um die Kosten des Materials geht, sondern um den Arbeitsaufwand und die Einzigartigkeit des Produkts. In der Schweiz steht dies ausser Frage, in Italien ist es eine grössere Herausforderung.

Auf der anderen Seite bist du in Italien zu Hause und hier bist du ein Expat. Gibt es Schwierigkeiten bei der Integration?

Nun, ich spreche kein Deutsch und das macht die Arbeit sicherlich etwas schwieriger. Allerdings gibt es hier viele italienischsprachige Menschen, ich treffe viele von ihnen auf jeder Messe. Ausserdem gibt es in Zürich und anderen Grossstädten auch kein Problem mit Englisch, so dass ich nicht zu viele Schwierigkeiten habe.

Wie würdest du dich selbst als Person beschreiben?

Ich bin launisch, exzentrisch, kreativ, etwas seltsam. Ich sage das, weil es verrückt erscheinen mag, mir bei der Arbeit zuzusehen. Ich kann lange konzentriert und ruhig arbeiten, dann werde ich im letzten Moment plötzlich wütend, weil ich mit dem Ergebnis nicht zufrieden bin.  Dann fangen die Materialien buchstäblich an durch den Raum zu fliegen. Mein Mann sagt immer scherzhaft, dass wir ein Instagram-Konto „Artist at Work“ erstellen sollten, weil es von aussen betrachtet wirklich lustig aussieht.

Was hilft dir, deine Batterien wieder aufzuladen und dich in solchen kreativen Krisen aufzuheitern?

Reisen, Wandern und Essen. Ich wandere gerne in den Bergen, fahre Snowboard und reise zu nicht-touristischen Orten. Besonders gerne lerne ich die Küche anderer Länder kennen und probiere etwas Neues aus.

Zudem habe ich zwei Hobbys die ich sehr liebe, aber bisher in der Schweiz noch nicht umsetzen konnte. Ich spiele schon lange Volleyball und suche nun eine Mannschaft in Zürich. Zweitens engagiere ich mich freiwillig für den Rettungsdienst in Italien. Ich würde so etwas gerne auch in der Schweiz machen, aber dafür ist mein Deutsch noch nicht gut genug.

Wie möchtest du dein Projekt in den nächsten 5-10 Jahren entwickeln?

Ich möchte ausschliesslich an meinen kreativen Projekten arbeiten (Jetzt, parallel zur Schmuckherstellung, habe ich noch einen regulären Beruf, um mehr in die Markenentwicklung investieren zu können). Zweitens möchte ich mich auf eine bestimmte Art von Produkt konzentrieren, die meine Marke unverwechselbar und wiedererkennbar machen wird.

Wir wünschen dir, alle deine Ziele zu erreichen! Zum Schluss, welche Ratschläge kannst du Künstler die noch am Anfang stehen geben?

Habt keine Angst, euren Lebensstil komplett zu ändern – kündigt euren Job, ändert euren Beruf, beginnt etwas Neues. Wenn ihr mit euren Leben nicht zufrieden seid, ändert es so schnell wie möglich. Wenn ihr einen Traum oder eine Idee habt, folgt diesem um jeden Preis. Versucht es mal, macht einen Fehler, versucht es noch einmal. Das ist der Weg, den wir alle gehen. Und das ist es, was uns zu den tollsten Abenteuern unseres Lebens führt.

Vielen Dank für dieses inspirierende Gespräch und die wertvollen Tipps. Wir wünschen dir viel Erfolg bei deinem Projekt!

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